Hans Dichand, zur Erinnerung
Editorial von Hans-Jörgen Manstein.
Hans Dichand ist tot. Über diese Tatsache wurde bereits alles berichtet. In unzähligen Artikeln, Kommentaren, Talkshows und jedem anderen auch nur ansatzweise denkbaren Medienformat. Höhepunkt: Die „Runde der Chefredakteure“ im ORF, wo die Spitzen der Mediengesellschaft wortreich eine Stunde lang wenig sagten. Und ja, Hans Mahr ließ seinen Gefühlen in der ZiB 2 freien Lauf.
Zu Hans Dichand ist also alles gesagt worden. Wirklich alles? Ich habe da meine Zweifel. Völlig unbeantwortet blieb die Frage, wie das Phänomen Hans Dichand überhaupt erst möglich wurde. Josef Kalina, ehemaliger Spin-Doktor der SPÖ, beantwortete diese Frage nur unzureichend, indem er sinngemäß meinte, dass die „Krone“ eben die Stimmungslagen der Bevölkerung wiedergebe. Einmal abgesehen von der bedenklichen Auffassung Kalinas darüber, was journalistische Arbeit zu leisten hat, erklärt das vieles nicht.
Es erklärt nicht, dass der Schatten des Mannes noch nach seinem Tod über der Republik liegt. Es erklärt nicht, dass die veröffentlichte Meinung in eine Art nationale Agonie verfällt und die Staatstrauer ausruft. Es erklärt nicht, dass der ORF eine Dokumentation über Dichand bringt, die mehr einer Hagiografie gleicht als ernst zu nehmender Berichterstattung. Und es erklärt vor allem nicht, wie es möglich ist, dass Dichands Tod den Bundeskanzler veranlasst, eine EU-Sitzung zu verlassen, um die passenden Worte zu finden – ein Ereignis von singulärem Charakter in der zweiten Republik: Hans Dichand war vor allem Privatmann, kein Staatsoberhaupt.
Seine vermutete Macht ist noch immer so groß, dass die Angst vor ihr selbst den profiliertesten Kommentator der österreichischen Innenpolitik, Hans Rauscher, dazu bringt, das von Dichand ewig wiederholte und absichtlich missbräuchlich verwendete falsche Zitat aus dem Artikel 1 der Verfassung „das Recht geht vom Volk aus“ (Anm.: richtig und etwas anderes meinend „… ihr Recht geht vom Volk aus“) für richtig zu erklären – Dichands Rechtsauffassung posthum zu legitimieren.
Wer war also Hans Dichand? Eine mögliche Antwort ist mittels einer Karl-Kraus-Anleihe zu finden: Hans Dichand war wohl der Prototyp des „österreichischen Antlitzes“, in dem sich einfach alles widerspiegelt: Biederkeit, Doppelmoral, Geschäftssinn mit Doppelbödigkeit, Koketterie mit Xenophobie, Freundlichkeit und Menschenliebe, die auch unvermittelt in beinharte Menschenhiebe umschlagen konnte. Das besonders Raffinierte dabei: sich selbst kleiner machen als man ist. Seine erotische Beziehung zur Macht kaschierte Dichand stets mit einer – zur Schau getragenen – ölgötzenhaften Gemütlichkeit und scheinbarer Bescheidenheit („da streichle ich lieber meine Hunde“).
So jemandem freiwillig zu folgen, ihm zuzuarbeiten (was die Politiker betrifft), ist wohl österreichischer Nationalcharakter. Das war beim „guten alten Herrn in Schönbrunn“, Franz Joseph I, nicht anders. Der Übervater – so die Hoffnung – wird schon alles richten, solange man (Politik) nur ein bisserl brav ist. Und wie Kaiser Franz Joseph war auch Hans Dichand höchst ambivalent. Er war zunächst einmal Unternehmer, der letzte große Verleger und Herausgeber, der diese Bezeichnung noch verdiente. Er investierte seine Abfertigung in den Kauf der Rechte an der „Kronen Zeitung“. 1959 war das eine mutige Entscheidung. Auch mit Olahs berühmten Gewerkschaftssparbüchern hätte das Experiment schiefgehen können.
Aber: Dichand machte etwas daraus. Er akzeptierte die mindestens ebenso widersprüchliche Persönlichkeit Kurt Falks als Partner. Ohne Falk ist der heutige Erfolg der „Krone“ undenkbar. Dichand wusste das und verhielt sich – contre coeur – wie ein wirklicher Unternehmer. Es war sein journalistischer Spürsinn, der ihn die Zeitungsbranche revolutionieren ließ, bevor sie in den Händen von Marketern zu dem wurde, was sie heute ist. Er trat für Tierrechte ein und spendete für Menschenrechte. Etwa 1968 – nach der Okkupation der CSSR – Millionen für Flüchtlinge. Er half den von ihm erfundenen Kampagnen der Grünbewegung auf die Beine (Hainburg, Sternwartepark). Er machte Politiker. Er missbrauchte andererseits den Kampagnen-Journalismus für seinen ganz persönlichen Zweck der Auflagensteigerung und Gewinnmaximierung (heute würden wir dazu „Marketing“ sagen).
Im Fall einer Kampagne gegen die Verbundgesellschaft zwang er mit bewusst eingesetzten falschen Argumenten („Kein Ausverkauf des österreichischen Wassers“) den damaligen Bundeskanzler Wolfgang Schüssel samt dessen Wirtschaftsminister Bartenstein innerhalb von Tagen in die Knie. Ein gutes Geschäft war tot, die Reputation der Bundesregierung angeschlagen. Der Auflage tat es gut. Wie konnte Dichand das alles erreichen? Ohne den der österreichischen Seele innewohnenden Triebzum vorauseilenden Gehorsam wäre das unmöglich gewesen.
Durch die neue Politikergeneration, der solches auch nicht ganz fern ist, wurde Dichand – zumindest in Österreich – Erfinder des „Politics by Polls“. Wobei diese Umfragen die Summe der Meinungen des Herausgebers der „Kronen Zeitung“ – auf den Leserbriefseitendes Blattes von eigener Hand penibel gestaltet – waren. Auch das ein Unikum, das man sich außerhalb Österreichs nur schwer vorstellen kann; schriftliche Unterwerfungsbekundungen von Kanzler und Parteichef einer staatstragenden Partei gibt es ohnehin nirgendwo anders.
Hans Dichand, das waren also wir alle. Das war sein Geheimnis: Wir alle waren Dichand, weil wir ihn gewähren ließen und zu dem machten, was er war. Oftmals weit über das für die Demokratie erträgliche Maß hinaus. Eine Serie über „die Juden“ und die Unterstützung einer Frau Rosenkranz dürfen einfach nicht passieren. Nicht einmal ansatzweise. Hans Dichands Verdienst ist es, den amerikanischen Traum austrifiziert zu haben. „profil“ vergleicht ihn gar mit William Randolph Hearst. Sein Satz zu einem Fotografen „sorgen Sie für Bilder, ich sorge für den Krieg“ könnte von Dichand sein. Dichand hat uns gezeigt, was in Österreich – mit uns – möglich ist. Auf diese Weise wird er zum mahnenden Vorbild, und man tut gut daran, sich lange an ihn zu erinnern.






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