Ein Mangel an Liebe, Ehrlichkeit und Hingabe

Wenn die Linke über „Turbo-Kapitalismus“ schimpft und die Rechte mit „Klepto-Kapitalismus“ mit einstimmt, dann ist etwas grundlegend schiefgegangen.

Wenn die Linke über "Turbo-Kapitalismus" schimpft und die Rechte mit "Klepto-Kapitalismus" mit einstimmt, dann ist etwas grundlegend schiefgegangen. Unser Zeitalter hat keine Seele mehr, nichts außer dem Netto-Profit zählt. Solange sich dieser Zustand nicht ändert, werden wir populistische und latent korrupte Wiesel in der Spitzenpolitik haben, anstatt Menschen, die sich für ihr Land aufopfern, Abzocker an den Schalthebeln der Finanzwelt, die unverdiente Milliarden aus der Realwirtschaft herausreißen, junge Menschen, die sich verunsichert und enttäuscht in virtuellen Welten abkapseln …

Wenn sich etwas bewegen soll, muss der menschliche Maßstab wiedergefunden werden. Erste Zeichen gibt es. So hat Joe Corre, der Sohn der Modeschöpferin Vivienne Westwood, seine Boutiquenkette Agent Provocateur verkauft, um sich einem schmuddeligen kleinen Laden im Osten Londons zu widmen. Was war sein Beweggrund? Fehlende Leidenschaft im Business – bloß die Logik, immer größer zu werden und die Produktion in immer billigere Länder auszulagern. Jetzt, sagt Corre, wolle er lieber etwas tun, das Sinn macht – etwa britische Hersteller unterstützen.

Er ist nicht der Einzige: einige erfolgreiche Unternehmer haben kleine Geschäfte aufgemacht, die nicht länger von Größenwahn und Profitsucht getrieben sind, sondern eine positive Erfahrung ermöglichen. In der Dienstleistung führt dieser Weg weg vom Markendenken. In Paris etwa breitet sich der neue Zeitgeist in Form von "Untergrundveranstaltungen" aus: Winzige Restaurants (manche sogar Privatwohnungen), Weinbars und Galerien machen auf, die nicht beworben werden und nur mühsam zu finden sind. Genug von erzwungener Transparenz, Gleichschaltung und touristischen Horden. Man will weder Größe noch Masse noch Bekanntheit noch eitle Selbstdarstellung, sondern Intimität und tiefe Gespräche. Es geht um ehrliche Arbeit, mit Liebe verrichtet, die einen überleben lässt, statt mit der Jagd nach "immer mehr" sein Leben zu vertun.

"Wir müssen die Dinge wieder wertschätzenlernen", sagt Sarah Bagner, die dem Werbeleben Ade gesagt und einen Web-Shop für Einzelstücke aufgemacht hat, über die sie mit den Kunden auch kommuniziert. Ein Modegeschäft verkauft nur kleine Auflagen von recycelten Kleidungsstücken (alte Klassiker sind wieder gefragt). Ein Mini-Hotel namens 40 Winks bietet bloß zwei Zimmer an. Laut der Federation of Small Businesses sind es just diese kleinen Geschäfte, die in Großbritannien den Weg aus der Rezession zeigen.

"Authentisch", "verantwortlich" und "vertrauenswürdig" werden zu gewichtigen Verkaufsargumenten, nicht bloß im Nahrungsmittelbereich. Verankert sein in Örtlichkeit und Kommunalität statt Denken in abstrakten globalen Maßstäben. Die forcierte Virtualität der digitalen Welt hat einen Hunger nach Echtem wachgerufen. Persönlichkeit statt Promi, echte Schönheit anstatt behübschter Oberfläche (Plastikbrüste sind out …)– alte Werte sind wieder stark im Kommen…

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