Editorial, HORIZONT Nummer 15

Gruselkabinett im Zentrum.

371.000 Zuseher konnten vorigen Sonntag „im Zentrum“ verfolgen, in welch niedrige Sphären unsere politische Gesprächskultur gesunken ist – so niedrig, dass man sich als Österreicher geniert und verstohlen zu Anne Will zappt, die sich mit dem aktuellen Papst-Thema ja auch kein leichtes ausgesucht hat. „Das Match um die Hofburg, harte Bandagen gegen den amtierenden Bundespräsidenten“ lautete das Thema, und geboten wurden in dieser Stunde hauptsächlich neue und alte Frechheiten gegen Heinz Fischer. Die Riege der Eingeladenen sollte garantieren, dass Ingrid Thurnher das Ruder mal wieder völlig entglitt und sie außer einem hilflos wirkenden „So nicht meine Herren, so nicht meine Herren“ nichts tun konnte, um die Diskussion auf ein halbwegs salonfähiges Niveau zurückzuführen.

Dafür sorgten Herbert Haupt in gnadenloser Verteidigung der unglückseligen Präsidentschaftskandidatin Barbara Rosenkranz und ein betagter, offensichtlich in einer anderen Welt lebender Richard Piaty aus dem Unterstützungskomitee für Rudolf Gehring, der vor laufender Kamera zugab, den vom ihm so protegierten Kandidaten auch erst seit ein paar Stunden zu kennen. Mangels vernünftiger Argumente für Gehring erging sich Piaty in wilden Anschuldigungen in Richtung des Bundespräsidenten.

Warum der ORF mit Rudolf Streicher und der im Alter immer blasierter wirkenden Heide Schmidt gleich zwei ehemalige Präsidentschaftskandidaten (gegen Klestil I) eingeladen hat, weiß niemand. Die Zusammensetzung der Diskutanten ergab jedenfalls ein Durchschnittsalter von 69, was wohl für den Schnitt der österreichischen Bevölkerung ebenso wenig repräsentativ ist wie die minutenlangen Schreiduelle, die sich Haupt, Piaty und Co lieferten und die nur das Prädikat „unerträglich“ verdienen. Für seine Verhältnisse moderat gebärdete sich Andreas Khol, der sich wieder zu keiner Wahlempfehlung aufraffen konnte, aber sich wenigstens nicht im Ton vergriff.

Einziger kleiner inhaltlicher Lichtblick war der Gedankenansatz, man könnte die Periode eines Bundespräsidenten verlängern und dafür auf eine begrenzen. Eben um sich und der Republik die unqualifizierten Anschuldigungen eines Wahlkampfs zu ersparen, was angesichts einer solchen Skandalsendung ein durchaus überlegenswerter Ansatz ist. Als ORF-Gebührenzahler empfinde ich es allerdings als grenzenlose Zumutung, dass der öffentlich-rechtliche Sender seine Verantwortung für die politische Bildung in diesem Land so wenig ernst nimmt und statt einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Thema (dazu wäre aber auch ein neutraler Verfassungsjurist notwendig gewesen) durch die Auswahl der Diskutanten ein Kabarett unter dem Niveau der legendären Löwingerbühne provoziert.

Welcher junge Mensch kann nach der Konsumation dieses greisen Gruselkabinetts motiviert sein, sich mit dem Thema Politik ernsthaft zu beschäftigen? War das nicht mal wieder Wasser auf die Mühlen jener, die meinen, Politiker seien prinzipiell Brechmittel? Die Frage, warum 371.000 dann ausgeharrt haben, lässt sich rational kaum beantworten, nur vielleicht mit der These, dass die Zuschauer gedacht haben, die Schreiduelle könnten vielleicht noch in einzigartige Handgreiflichkeiten ausarten. Zumindest lag das in der Luft – und es ist ein ganz schlimmes Zeichen für diese Republik.

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