Editorial HORIZONT Nummer 12
Mitgestalten statt jammern
Die Wiener Fachgruppe Werbung und Marktkommunikation hat also einen neuen Vorsteher: Er ist beileibe kein Unbekannter in der Branche, heißt Michael Himmer und hat – ebenso wie seine Kollegen in den Bundesländern (Seite 3), vor allem aber der (oder die!) noch zu wählende Vorsitzende des bundesweiten Fachverbandes – eine schwierige und umso ehrenvollere Aufgabe vor sich.
Sie übernehmen die Verantwortung für die Standesvertretung einer Vielzahl unterschiedlichster Unternehmen in der Kommunikationsbranche in einer sehr herausfordernden Zeit. Nicht nur, dass – bei wachsender Zahl – rund zwei Drittel der rund 20.000 Fachgruppen-Mitgliedsunternehmen EPUs (also Ein-Personen-Unternehmen) sind, wissen Sie genau, wofür der Gewerbeschein für Werbegestalter oder Multimedia-Berater eigentlich (noch) steht? Baustellen gibt es in der Branche zuhauf …
Richten wir den Blick auf die Großen: Um die Werbeagenturen steht es schlecht. Das zumindest muss man sich denken, wenn man den meisten Vertretern der Zunft derzeit zuhört. Ist das wirklich so? Wohl kaum: Vielmehr steht es schlecht um das Ego einiger Geschäftsführer von Werbeagenturen, und das durchaus zu Recht: Die Werbung hat an Glamour und Anziehungskraft verloren, das Geschäft ist komplexer, die Honorare niedriger, ebenso die Wertschätzung der Leistungen einer Werbeagentur durch die Kunden … All das sind mittlerweile Allgemeinplätze, die vielen bereits zu den Ohren heraushängen.
Und dennoch: Davon darf man sich weder entmutigen noch den Spaß verderben lassen. Dass es kreativen Werbern auch im Jahr 2010 noch gelingt, sich als die viel zitierten „Berater auf Augenhöhe“, als handwerklich versierte Sparring-Partner für Generaldirektoren und CEOs zu positionieren, die nicht nur Fulfillment im Auftrag von Marketingleitern betreiben, ist erwiesen – und wir werden dies in den kommenden Wochen erfreulicherweise auch berichten können.
Tatsächlich aber gibt es einige konkrete Ansatzpunkte, bei denen die Standesvertretung der Unternehmerin Werbung und Marktkommunikation gefordert ist, zu handeln – und zwar sowohl in Richtung der Auftraggeber als auch in Richtung der Mitglieder selbst. Ein Thema, das etwa allen Agenturchefs unter den Nägeln brennt, ist das der öffentlichen Ausschreibungen. Dabei wird die Rolle der Pitch-Berater und die Rolle der begleitenden Anwälte ebenso beklagt wie der Umstand, dass sich Kreativleistungen nicht so einfach einkaufen lassen wie Dienstautos, sprich das Vergaberecht für „uns Kreative“ nicht anwendbar ist. In Ermangelung eines eigenen Agenturverbandes in Österreich und angesichts des zunehmend unter Druck geratenen Dreigestirns zwischen Auftraggebern, Agenturen und Medien trägt die Standesvertretung innerhalb der Wirtschaftskammer einen ganz wesentlichen Teil der Last der Verantwortung.
Gemeinsam mit anverwandten Interessenvertretungen – wie dem CCA, der IAA, dem DMVÖ oder dem PRVA – obliegtes ihr, die teils sehr divergenten Interessen von Agenturen zu bündeln und nach außen zu vertreten – gegen Gratis-Präsentationen, gegen übertriebene und unangebrachte Ausschreibungsformalitäten, für Investitionsanreize, für Ausbildungsförderung. Und zwar in einer Vehemenz und Präzision, dass diese Forderungen auch gehört werden. Zusätzlich müssen Fachgruppen und Fachverband stärker nach innen wirken, dazu beitragen, dass etwa die Agenturszene ihre Kräfte bündelt und sich – siehe Gratis-Präsentationen– auf die Hinterbeine stellt, so wie es etwa kürzlich die belgischen Design-Agenturen getan haben, angesichts unerträglich gewordener Praktiken bei Ausschreibungen.
Im Übrigen: Die Fachgruppenvorsteher brauchen dazu eigentlich nur – soweit es die Usancen der Privatwirtschaft betrifft – im eigenen Haus die geschätzten Mit-Unternehmen in die Pflicht nehmen. Eine leichte Übung? Die neu oder wieder gewählten Fachgruppenvorstände und der Fachverband haben eine fünfjährige Amtszeit vor sich. In diesen fünf Jahren werden in der Kommunikationsbranche ganz wesentliche Weichenstellungen für die Zukunft erfolgen – welche Folgen diese Veränderungen haben werden, wird auch wesentlich davon abhängen, inwieweites dieser Branche gelingt, ihre eigene Zukunft mitzugestalten.






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