Ausnahmen im Cyberspace

Editorial, HORIZONT Nummer 27-30/2010.

Wussten Sie, dass auf die Social-Media-Plattform YouTube pro Minute über 24-Stunden Video-Content hochgeladen werden? Dass dieses Portal laut YouTube-Produktmanager Hunter Walk, der beim Cannes-Lions-Festival 2010 einen hochinteressanten Workshop leitete, mittlerweile die zweitgrößte Suchmaschine im WWW ist, mit über einer halben Milliarde Nutzern? Ja, erinnern Sie sich noch an das erste YouTube-Video, das Sie gesehen und darüber gelacht haben? Auch wenn ein Großteil der zahlreichen YouTube-User wahrscheinlich immer noch zu den „nutzlosen Touristen“ zählt, hat die Plattform doch einige hochbegabte Stars hervorgebracht.

Wie Walter Braun in seinem Kommentar links ausführt, bezeichnet WPP-Chef Sir Martin Sorrell jene Surfer als nutzlose Touristen, die für nichts bereit sind zu zahlen und sich auch nicht für Werbung interessieren. Naturgemäß sind unterhaltende Filme, egal ob Comedy, Kunst oder Musik, noch in der Überzahl. Darunter der Bauchredner Jeff Dunham, der mit seiner skurilen Figur „Achmed, the dead terrorist“ über 117 Millionen Views verzeichnete, mehrere DVDs erfolgreich vertreibt und den Sprung via YouTube auf US-amerikanische Bühnen geschafft hat.

Rasant wachsen auch Lehrvideos auf YouTube. Egal ob für Handwerkliches, das Erlernen von Musikinstrumenten oder wissenschaftliche Themen. Die bemerkenswerteste Ausnahme von der „Touristen“-Regel ist die Khan Academy: Salman Khan, ein Absolvent der Harvard Business School, gilt als viel gelobter Pionier in Sachen Gratisunterricht via Internet. Eine Nachhilfestunde für eine Nichte im Jahr 2004 (in Mathematik) stellte er auf YouTube, gesehen haben sie zahlreiche Menschen. Mittlerweile stehen über 1.400 Video-Tutorien im Netz, über neun Millionen Mal wurden manche Unterrichtsvideos in den Fächern Mathematik, Chemie oder Ökonomie angeklickt, und seine Khan Academy „lebt“ mittlerweile von Spenden.

Für die simpel gestalteten Videos, die aussehen, als würde Salman Khan eine normale Schultafel mit Kreide beschriften, Geld zu verlangen, wäre von Anfang an unmöglich gewesen, erklärt der sympathische ehemalige Hedgefonds-Manager auf CNN. Aber die über 80.000 Schüler und Khanacademy.org-Nutzer weltweit haben ihren Eltern wahrscheinlich eine Menge Geld an Nachhilfestunden erspart, und diese wiederum „bedanken“ sich mit Überweisungen.

Es liegt auf der Hand, dass derartige Spendenmodelle die Ausnahme sein werden. Jene Internetangebote, die wirklich exklusiven Content bereitstellen, werden auch künftig die Minderheit bilden. Zwar werden sie versuchen, ihr Angebot - das bald danach gratis zu finden sein wird - zu monetarisieren.Den Wert von Content/Musik stellte auch die britische Band Radiohead mit ihrem 2007er- Album „In Rainbows“ infrage: Fans wurde aufgefordert, die Songs gratis runterzuladen und danach zu bestimmen, wie viel diese Wert seien. Ein Protestexperiment, dass wohl auch ein Einzelfall bleiben wird.

Die Diskussion um einfache und sichere Zahlungsmodelle für Web-Inhalte wird mit Sicherheit weitergehen. Und ein Schulterschluss von Premium-Content-Anbietern für ein einheitliches Bezahlmodell scheint mir eher eine Illusion zu sein. Dieser pessimistischen Annahme widerspricht – zugegeben– Apples Erfolg mit seinem Musik- und Software-Store iTunes, dennoch sind die Möglichkeiten, sich illegal Content herunterzuladen, groß wie nie. Denn das Web ist und bleibt ein chaotischer Raum. Mit vielen erfreulichen Überraschungen wie Salman Khan, aber auch immer einer Menge Schund. So wie sich die Menschheit in ihrer Gesamtheit nicht ganzheitlich und organisiert „erziehen“ lässt, werden wir wohl mehrheitlich „nutzlose Touristen“ bleiben.

[Clemens Coudenhove]

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