„Mehr habe ich auch nicht probiert“

„Standard“-Herausgeber Oscar Bronner wird am 14. Jänner 70 Jahre alt. Im Interview mit HORIZONT online zieht er Bilanz über sein Leben als Verleger, erklärt, wieso er an die Zeitung glaubt, wie die Malerei den „Standard“ beeinflusst hat und warum er wenig von Relaunches hält.

HORIZONT online: Herr Bronner, Sie haben mehrere Medien gegründet, die es immer noch gibt und die hochrelevant sind. „profil“, „trend“, den „Standard“, den Sie immer noch besitzen. Welche Gründung hätten Sie denn immer gerne gemacht, aber nicht geschafft?

Oscar Bronner: „derstandard.at“ gehört auch dazu. Ich wollte nur diese vier Medien gründen. Mehr wollte ich nicht. Mehr habe ich auch nicht probiert, weil ich immer nur die Medien gründen wollte, die ich selber lesen wollte. Mit diesen Medien ist mein Bedarf eigentlich weitgehend gedeckt, was österreichische Information betrifft.

HORIZONT online: Wieviele Zeitungen lesen Sie täglich?

Bronner: (Deutet auf einen beachtlichen Stoß neben ihm am Schreibtisch.) Lesen nicht sehr viele, durchblättern sehr viele. Ich schätze ungefähr zehn, fünfzehn Zeitungen. Die lese ich auf Papier und den Rest surfe ich im Internet.

HORIZONT online: Der Medienkonsum verlagert sich in den vergangenen Jahren zusehends ins Digitale. Sehen Sie das in Ihrem eigenen Leseverhalten auch, dass Sie zunehmend im Netz Nachrichten konsumieren?

Bronner: An dem Geburtstag, den wir heute besprechen, merken Sie, dass ich kein wirklicher Digital Native bin. Für mich hat die haptische Qualität von Papier immer noch eine sehr große Bedeutung. Daher genieße ich das Konsumieren am Papier mehr als am Bildschirm. Aber es gibt Dinge, die man sich trotzdem am Bildschirm ansieht, weil es halt schneller geht. Auch bei Altspatzen wie ich es bin, beobachte ich, dass es immer mehr wird.

HORIZONT online: Nutzen Sie auch andere Screens wie das iPad?

Bronner: Ich besitze es, wobei ich mich dabei beobachte, dass ich den normalen Laptop oder das iPhone am meisten verwende. Das iPad nutze ich nicht sehr regelmäßig.

HORIZONT online: Glauben Sie persönlich an den Siegeszug des Digitalen, das die Zeitung völlig ersetzen wird?

Bronner: Ein Sieg des einen muss nicht die Niederlage eines anderen bedeuten. Das Digitale ist nicht mehr wegzudenken und hat die Informationswelt revolutioniert. Aber nicht nur, weil es ein anderes Transportmittel ist, sondern weil die Einbahnstraße zu einer Gegenverkehrsstraße geworden ist und die User mitmachen können. Da entsteht etwas vollkommen Neuartiges, das es vorher nicht gegeben hat. Ich glaube aber, dass es für die absehbare Zukunft weiter Zeitungen geben wird.

HORIZONT online: Es gibt mittlerweile Experten, die von einem Ende der überregionaler Zeitungen in fünf Jahren ausgehen.

Bronner: Begonnen hat das mit einem Publizistikprofessor in den USA, der den Druck der letzten Zeitung im ersten Quartal des Jahres 2043 geortet hat. Das habe ich mir gemerkt, weil ich im ersten Quartal 2043 meinen hundertsten Geburtstag feiere. Ich habe vor, meine Glückwünsche dort noch in der Zeitung zu lesen. Seither werden die Prognosen immer kürzer und jeder, der in die Zeitung kommen will, prophezeit den Tod der Zeitung noch ein wenig früher. Der Zeitungsmarkt schrumpft bereits, das ist klar. Ob aber die Gattung Zeitung stirbt, ist eine andere Frage. Ich glaube, da wird es weiterhin einen Bedarf geben.

HORIZONT online: Immer, wenn in den vergangenen Jahren Hiobsbotschaften aus Übersee oder anderswo kamen, hat es geheißen, Österreich sei in punkto Zeitungen „ein Land der Seligen“, weil der Printmarkt sehr stark ist. Teilen Sie diese Meinung?

Bronner: Nein. Der österreichische Markt ist ein ganz normaler Markt. Wenn die Zeitung als Gattung in den USA sterben würde, würde sie auch hier sterben, vielleicht ein bißchen zeitverzögert. Ich glaube nur nicht, dass die Gattung Zeitung in Amerika so bald sterben wird. Bei Prognosen heißt es ja immer: „In the long run we’re all dead“. Wie weit kann man prognostizieren, dass es sinnvoll ist? Man kann nur über die nächsten zehn, 20 Jahre sinnvoll Vorhersagen treffen. Und da wird es meiner Meinung nach weiter Tageszeitungen geben. Es ist auch in den USA noch keine relevante Tageszeitung eingegangen. Die beiden deutschen Zeitungen über die kürzlich berichtet worden ist, sind Sonderfälle.

HORIZONT online: Inwiefern?

Bronner: Die „Financial Times Deutschland“, die ich sehr gemocht habe, war immer defizitär und war eine Gründung, die nicht funktioniert hat. Die „Frankfurter Rundschau“ war eine Parteizeitung, die man in letzter Zeit in die Unabhängigkeit entlassen hat. Parteizeitungen sind schon lange gestorben und das ist eine Nachwehe dieser Entwicklung. Es hat auch Fälle gegeben, wo Spekulanten auf Pump Zeitungen gekauft haben wie die L.A. Times in den USA. Das sind Fehlspekulationen, das darf man nicht mit dem stattfindenden Paradigmenwechsel vermischen.

HORIZONT online: Zeitungen werden aber schrumpfen, das sehen auch Sie so.

Bronner: Sie werden schrumpfen und da und dort wird es Fusionen geben. Das hat es im Lauf der Zeit immer wieder gegeben. New York hat derzeit drei größere Zeitungen und hatte irgendwann 20 Zeitungen. Aber dieser Fusionsprozess hat sich über die letzten 80 Jahre gezogen.

HORIZONT online: Hat Sie das Aus der „FTD“ ins Grübeln gebracht? Die beiden Zeitungen ähneln sich ja, nicht nur in punkto Papierfarbe und dem gemeinsamen Vorbild. Auch der „Standard“ hatte in seiner Anfangszeit schlimme Durststrecken.

Bronner: Es ist nicht wirklich vergleichbar. Unser Breakeven ist ja schon fast 15 Jahre her. Das hat länger gedauert, als ich angenommen hatte und es war eine schwierige Periode – aus diversen Gründen. Aber ich habe nie das Vertrauen verloren, dass es funktionieren wird. Sonst hätte ich ja nicht die Anteile von Springer erworben und weitergemacht. Ich habe immer gesehen: Diesen Markt gibt es und wurde nicht enttäuscht. Bei der FTD war es ein offenes Experiment: Finanziert der deutsche Markt eine zweite Wirtschaftszeitung? Es gibt wenige Länder, die mehr als eine haben.

HORIZONT online: Sie selbst mussten viele Jahre regelrecht um den „Standard“ kämpfen. Wer hat Ihnen dabei am meisten geschadet?

Bronner: Es hat nicht die einzelne Person gegeben. Zeitung ist halt etwas, das viele Interessenssphären berührt. Es ist kein normaler Konkurrenzkampf, der da stattfindet. Da gibt es politische Interessen, die bei manchen mitschwingen, machtpolitische Aspekte, die bei manchen mitspielen und es war halt auch Pech dabei. Mein erster Partner Springer hatte einen regelmäßigen Managementwechsel: In den sechseinhalb Jahren unserer Partnerschaft hatte ich es hintereinander mit fünf verschiedenen Vorstandsmitgliedern zu tun. Irgendwann zum Schluss wurde überhaupt vergessen, warum Springer diese Beteiligung eigentlich eingegangen ist. Für mich wurde es sehr schwer, da geraden Kurs zu halten.

HORIZONT online: Danach kam ein Kredit bei der Bank Austria, mit deren Hilfe Sie Springer auszahlten.

Bronner: Um die Anteile zurückzukaufen, habe ich einen Kredit gebraucht. Da gab es wiederum Einflüsterer, die diese Zeitung kassieren wollten und mir entsprechende Schwierigkeiten gemacht haben.  

HORIZONT online: Wer waren diese Einflüsterer?

Bronner: Das ist lange vorbei. Da gibt es auch keine offenen Rechnungen. Es arbeitet niemand mehr dort von denen, die mir damals das Leben schwer gemacht haben. Die Bank Austria ist heute auch eine ganz andere Bank als damals.

HORIZONT online: Sie hatten überaus starken Gegenwind.

Bronner: Ich musste nicht nur die normalen Schwierigkeiten überwinden, die mit der Gründung einer solchen Zeitung einher gehen – ich rede gar nicht davon, dass in der Zeit die Mediaprint als marktbeherrschende Gruppe entstanden ist – und ich musste – wie erwähnt -  auch noch mit meinem Partner und später mit meiner Bank kämpfen.

HORIZONT online: Würden Sie einem Ihrer Kinder raten, eine Zeitung zu gründen?

Bronner: Nein. Die Zeit der Zeitungsgründungen in unseren Breitengraden ist vorbei. Aber eines muss ich schon sagen: Während wir hier über den Tod der Zeitung philosophieren, werden weltweit mehr Zeitungen gegründet als eingestellt. Das Problem ist: Das Businessmodell „Tageszeitung“ hat das ermöglicht, was wir heute als Tageszeitung kennen. Das Businessmodell „Internet“ würde das noch nicht finanzieren können.

HORIZONT online: Ist das nicht das Grundproblem der These, dass der Kanal egal sei, auf dem die Nachrichten transportiert werden? Onlinejournalisten werden immer noch schlechter bezahlt, arbeiten mehr, unter größerem Zeitdruck und teilweise unter größerer Verantwortung.

Bronner: Das Businessmodell „Internet“ kann derzeit das was wir als Qualitätsjournalismus kennen, noch nicht finanzieren. Daran arbeiten wir aber. Wobei das, was wir als Internet kennen, ist ja noch wahnsinnig jung. Die Tageszeitung als Businessmodell, wie wir es kennen, ist rund 150 Jahre alt. Wie das Internet funktioniert, entwickelt sich gerade.

HORIZONT online: Sie loben auch den User generated Content. In den Foren von Nachrichtenseiten, auch Ihrer, passieren ziemlich viele Bösartigkeiten unter dem Deckmantel der Anonymität. Enttäuscht Sie das nicht?

Bronner: Mir sind die Schwächen durchaus bewusst. Man darf aber auch nicht außer Acht lassen, was da an Hochinteressantem passiert: Mündige User nehmen an Diskussionen teil und reichern diese an.

HORIZONT online: Lesen Sie die Foren des „Standard“ gerne?

Bronner: Manche ja, manche nein. Aber wir haben die schon viel besser in den Griff bekommen als am Anfang. Wir haben halt bis zu 20.000 Postings am Tag und es ist nicht einfach, die zu handhaben. Aber wir werden immer besser darin.

HORIZONT online: Gibt es ein soziales Medium, das Sie nutzen?

Bronner: Passiv Twitter.

HORIZONT online: Wann haben Sie eigentlich erkannt, dass der Online-Standard ein Zukunftsprojekt ist?

Bronner: Sofort, als ich die Zeitung am Bildschirm gesehen habe. Da war sofort klar, was das bedeutet. Bis dahin gab es ja nur die Wahl zwischen Geschwindigkeit oder Tiefe. Mit diesem Medium konnte man beides gleichzeitig haben.

HORIZONT online: Sie gelten als sehr stur, was Änderungen an der Zeitung angeht. Überall anders gibt es regelmäßig Relaunches, Redesigns, Rebrushes… Beim „Standard“ ist das nicht so. Warum?

Bronner: Bei uns ist das täglich so. Wir ändern laufend etwas und ersparen uns damit die großen Relaunches. Ein Relaunch ist üblicherweise der Egotrip eines neu installierten Chefredakteurs oder Eigentümers. Der Leser will keinen Relaunch, sondern will sich zuhause fühlen. Jede Änderung, die man merkt, ist unangenehm. Trotzdem darf man die Zeitung nicht immer so belassen wie sie ist, weil man sie irgendwann als ranzig empfinden würde.

HORIZONT online: Sie waren in den 70ern und 80er Jahren lange in den USA und haben dort als Künstler gelebt, nur gemalt und gebildhauert. Danach ging es nach Wien zurück, um den „Standard“ zu gründen. Damit wurde das Malen weniger?

Bronner: Ich habe 20 Jahre nicht gemalt.

HORIZONT online: Wann kam der Punkt, wo Sie gemerkt haben, Sie müssen wieder zum Pinsel greifen?

Bronner: Es ist witzigerweise genau so passiert, wie ich es angekündigt habe: Beim Zehnjahres-Jubiläum habe ich angekündigt, noch zehn Jahre den Job zu machen und nachher wieder zu malen. Beim 20-Jahr-Jubiläum habe ich den Mitarbeitern gesagt: „Jetzt ist es soweit.“ Und habe zu malen begonnen. Ich habe mich natürlich im Jahr davor schon sehr gefreut, ein Atelier eingerichtet und dann angefangen.

HORIZONT online: Ist das Mindset eines Herausgebers, der Verantwortung für Mitarbeiter hat und das des Künstlers, sehr unterschiedlich?

Bronner: Ja, es wäre unverantwortlich gewesen, in der Krisenzeit nicht hier zu sein. Aber ich werde Ihnen was anderes sagen: Bei schwierigen geschäftlichen Situationen, in denen mir im übertragenen Sinn die Pistole angesetzt wurde, bin ich wahrscheinlich sturer geblieben als es richtig schien. Denn: Wenn ich in so einer Situation verloren hätte, hätte ich wieder gemalt. Das war keine schreckliche Perspektive für mich. Daher war diese Malerseite in mir wahrscheinlich sehr wichtig auch für den Erfolg des „Standard“.

HORIZONT online: Gibt es einen Tag X, an dem Sie sich aus der Zeitung zurückziehen wollen? Sie haben im Vorjahr Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid zur Co-Herausgeberin bestimmt.

Bronner: Mit dem 20-Jahr-Jubiläum habe ich mich schrittweise zurückgezogen. Ich habe wunderbare Führungspersonen mit Alexandra Föderl-Schmid, Gerlinde Hinterleitner, Wolfgang Bergmann, Alexander Mitteräcker. Da empfinde ich, dass die Zeitung in guten Händen ist. Mit der Co-Herausgeberschaft sind Alexandra die Weichen für Nachher gestellt. Für mich ist derzeit das Bildermalen die erste Priorität. Ich stehe hier in der Zeitung zur Verfügung, wenn mein Rat gebraucht wird und nicht mehr.

HORIZONT online: Wieviel Zeit verbringen Sie derzeit im „Standard“?

Bronner: Ich komme erst am Nachmittag her. Und das nicht jeden Tag.


Literatur: Anlässlich des 70. Geburtstages Oscar Bronners wird das Buch  „Trotzdem. Oscar Bronner. Eine Biographie“, verfasst von “Datum„-Gründer Klaus Stimeder alias JM Stim und der Chefredakteurin der “Kleinen Zeitung„ Kärnten, Eva Weissenberger, in umfangreich aktualisierter Form neu aufgelegt. Das Buch erscheint im Verlag Redelsteiner Dahimène Edition. Das E-Book ist bei Amazon erhältlich.

[Philipp Wilhelmer]

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