Jenseits des HORIZONT
Nicht das Internet macht dumm...
Revolutionen führen zu Reaktionen, die wiederum so tun, als seien sie kritische Fortschrittsskepsis. Schule und Studium beginnen wieder, die neue Verdummungsmaschinerie ist entdeckt: Das Internet ist schuld.
Das Internet verhindere kritische Auseinandersetzung, bringe Verwirrung statt Information, kille Neugierde und töte Konzentrationsfähigkeit. Bestsellerautoren wie Manfred Spitzer, der die „Digitale Demenz“ verfasst hat, werden von Talkshow zu Talkshow gereicht, massenhaft erscheinen mehr oder weniger erhellende Storys über Ritalin. Die Medien haben ihr Futter, und selbst der deutsche Modephilosoph Precht darf in seiner neuen Talk-Sendung über New Media und Glück parlieren.
Worüber nicht diskutiert wird, ist der Content, ist mediale Kompetenz, ist die nach wie vor wachsende Sprach-und Leseinkompetenz, der steigende sekundäre Analphabetismus, der Ausschluss von immer mehr Menschen aus der Informationsgesellschaft und Bildung als Erziehung zur Mündigkeit.
Es wird zwar über unterschiedliche Schulorganisationsformen gestritten – Gesamtschule, differenzierte Mittelschule, Zugangsgebühren zu den Universitäten – aber nicht darüber, dass beispielsweise in den meisten Wiener Schulen nur ein einziger breitbandiger Internetanschluss vorhanden ist, die digitalen Medien aus infrastrukturellen Gründen gar nicht genutzt werden können, ein Großteil der Lehrer selbst keine Medienkompetenz besitzt, um den Schülern Mechanismen des Webs zu vermitteln und den Konnex zwischen Wissenszugang und Informationsüberflutung zu erklären.
Wesentlich ist, dass man einen Schuldigen eruieren kann. Der Dieb ist erkannt und wird gestellt. Mit untauglichen Mitteln. Die medialen Reflexe kommen automatisch: Ritualhaft bringen die Tageszeitungen und Magazine Ende August und Anfang September Serien über die Schule, Populärpädagogen inszenieren neue, sich selbst wiederholende Bücher, und alle sind sich einig, dass es der Politik nicht gelingen werde, die Schule zu ändern und zu einer neuen Bildungsperspektive sich aufzuraffen. Alle klatschen einander larmoyant auf die Schulter, beklagen die Verrottetheit des Systems, versuchen jedes Jahr, neue Feindbilder zu schaffen. Und sind sich des medialen Echos sicher.
Heuer ist es das Internet, das die Projektionsfläche hergeben muss. Dabei zeigen junge Menschen ohnehin schon Skepsis: Facebook und andere Social Communitys verlieren an Reiz, Friends und Members, es wird experimentiert, es entstehen neue Formen der Interaktion, die von den Populärwissenschaftlern noch gar nicht erkannt und medial verwertet sind.
Eine Zahl mag zu denken geben: Die Verschuldung von Jugendlichen steigt, die Zahl der Privatkonkursanträge von 20- bis 25-Jährigen explodiert. Hauptursache: IT-, Web- und Handykosten. Womit ein neues Feindbild gefunden wäre.







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