Jean Ziegler: Presse muss Schweigen brechen

Ermahner gegen den Welthunger hielt die Keynote-Speech bei den Österreichischen Medientagen - „Sobald ein Journalist seinen Computer aufmacht, hat er unerhörte Macht.“

Der Schweizer Soziologe, Politiker und Sachbuch- und Romanautor Jean Ziegler hat in seiner Keynote-Speech zur Eröffnung der 19. Österreichischen Medientage am Dienstag einen flammenden Appell hinsichtlich der Verantwortung der Presse bei der Bekämpfung des Welthungers gerichtet: Er sprach von einem „täglichen Massaker des Hungers“, geleitet durch Börsenspekulationen an den Getreidemärkten und der Weltbank.

Die Presse hat nach seiner Ansicht die Aufgabe, die „Utopie zu verwalten“: „Utopie ist der Wunsch nach dem ganz anderen. Sie bezeichnet, was in unserem Leben fehlt. Sie umfasst die einklagbare Gerechtigkeit. Der Journalist, der Intellektuelle überhaupt ist der Verwalter der Utopie, des Tagtraumes, des Willens zur Gerechtigkeit.“

Ziegler zitierte den englischen Philosophen Edmund Burke, der schrieb: „Alles was es braucht, das Böse triumphieren zu lassen, ist das Schweigen der guten Menschen“. („All it takes for Evil to triumph, is the silence of good men.“) Sein Appell: „Dieses Schweigen muss die Presse brechen. Sie schafft die Wirklichkeit in den Köpfen der Menschen.“ Das heiße nicht, fraktioniert Tatsachen in die Welt zu setzen, „sondern Kausalität offenzulegen und die Totalität analytisch zu erfassen“. Sobald ein Journalist seinen Computer aufmache, „hat er unerhörte Macht, weil er die Perzeption, die in den Köpfen der Menschen steht, fabriziert“.

Einmal mehr legte Ziegler schonungslos offen, wie verheerend die Weltökonomie den Hunger in den ärmsten Regionen der Welt steuert und bedingt: Getreidepreise seien Spekulationen unterworfen, europäische Erzeugnisse würden gestützt, und unter Duldung und Mithilfe der Weltbank finde ein Landraub statt. „Hunger ist bei weitem die größte Todesursache. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. Eine Milliarde ist permanent schwerstens unterernährt.“

Demgegenüber stellte er die Feststelltung, die Weltlandwirtschaft sei so produktiv wie noch nie: Sie könne heute problemlos 12 Milliarden Menschen ernähren. „Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschen gibt es keinen objektiven Mangel mehr. Dank der Technologien, die die Produktivität gesteigert haben. Ein Kind, das heute am Hunger stirbt, wird ermordet.“

[Philipp Wilhelmer]

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